Henning Rütten ist TV-Kameramann, Autor und Journalist aus Hamburg, seit dem Jahr 2000 beim NDR und mehrfach mit dem VDS-Fernsehpreis ausgezeichnet, zuletzt für seine Dokumentation über den Fußballtorwart Robert Enke. Sein bekanntestes Werk handelt von einem Mann, der seine Krankheit bis zuletzt verbarg, gedreht von einem Journalisten, der selbst in keiner einzigen seiner Produktionen zu sehen ist.
Teresa Enke sitzt vor der Kamera und sagt einen Satz, den sie seit Jahren wiederholt: „Die Klinik wäre seine Rettung gewesen, das glaube ich.“ Es ist der 10. November 2019, der Jahrestag von Robert Enkes Tod. Im NDR Sportclub läuft an diesem Abend ein Film über die Depression, die der Fußballtorwart bis zuletzt verheimlichte. Hinter der Kamera stand Rütten.
Inhaltsverzeichnis
Zwanzig Jahre beim NDR, fast immer ohne eigenes Gesicht im Bild
Rütten begann seine Laufbahn im Jahr 2000 mit einem Volontariat beim NDR in Hamburg. Nach eigenen Angaben auf seiner Portfolioseite war er mehr als 20 Jahre Mitglied der NDR Sportredaktion und berichtete von fünf Olympischen Spielen sowie mehreren Weltmeisterschaften. Fotografieren lernte er mit 14 Jahren, seine ersten Bilder entwickelte er im eigenen Labor. Ausgebildet wurde er an der Deutschen Sporthochschule Köln.
Inzwischen arbeitet er nach eigener Beschreibung weitgehend allein, von der Aufnahme bis zum Schnitt, mit Drohne und moderner Kameratechnik. Auf seiner Seite sind mehr als 60 Produktionen aus den Jahren 2004 bis 2026 aufgeführt, von Sportdokumentationen über Reisereportagen bis zu gesellschaftlich relevanten Themen.
Andere stehen vor der Kamera, er dahinter
Wer die Filmografie durchgeht, erkennt ein wiederkehrendes Muster. Fast immer führt jemand anderes durch die Sendung, während Rütten die Bilder liefert.
- Bei der ZDF Dokumentation „Orangen, Genuss mit Beigeschmack“, ausgestrahlt am 5. April 2026 in der Reihe planet e., führte Reporterin Ronja Bachofer durch die Orangenplantagen Brasiliens und Spaniens. Rütten war für die Kamera verantwortlich.
- Bei der ARD Reihe „Waterwoman“ und „Waterwoman II“ ist Freitaucherin Anna von Boetticher die Hauptfigur, während Rütten von Island bis Neuseeland filmte.
- Bei mehreren Ausgaben von mareTV und Sportclub Story übernahmen Kolleginnen und Kollegen wie Boris Poscharsky oder Inka Blumensaat die Moderation, Rütten stand hinter der Kamera und im Schnitt.
Das erklärt auch, warum sein Name in den fertigen Sendungen kaum auftaucht, obwohl er an der Entstehung maßgeblich beteiligt war.
Ein Fernsehpreis und ein Film mit zwei Titeln
Für die Dokumentation über Robert Enke erhielt Rütten 2019 den ersten Platz beim VDS-Fernsehpreis, verliehen vom Verband Deutscher Sportjournalisten und dotiert mit 2.000 Euro. Es ist nicht der erste Preis dieser Art in seiner Karriere, nach eigenen Angaben gewann er bereits 2004 und 2009 in derselben Kategorie.
Der Film selbst kursiert unter zwei Titeln, was online bislang selten korrekt aufgelöst wird. Beim VDS und beim ersten VDS SportFilmFest in Hamburg lief er unter dem Titel „Auch Helden haben Depression“, gesendet am 10. November 2019 im NDR Sportclub. Als eigenständige Folge der Reihe NDR Story erschien er einen Tag später, am 11. November 2019, unter dem Titel „Depression kann jeden treffen: Robert Enke, 10 Jahre danach“. Es handelt sich um denselben Film, einmal im Sportmagazin gesendet, einmal als eigenständige Dokumentation veröffentlicht.
Wovon der Enke-Film wirklich handelt
Enkes Witwe Teresa Enke und enge Freunde erzählen darin, wie sich der Torwart zwischen zwei depressiven Episoden 2004 und 2009 öffentlich unauffällig verhielt, während er innerlich zusammenbrach. Der Film räumt mit zwei verbreiteten Annahmen auf: Weder der Leistungsdruck im Profifußball noch der frühere Tod seiner Tochter Lara hätten die Krankheit ausgelöst, das bestätigen die Beteiligten im Film übereinstimmend.
Verheiratet mit einer der bekanntesten Journalistinnen des Landes
Rütten ist mit Anja Reschke verheiratet, langjährige Moderatorin des Politikmagazins Panorama und eines der bekannteren Gesichter der ARD. Das Paar hat zwei Kinder, eine Tochter und einen Sohn, und lebt in Hamburg. Reschke ist seit über zwei Jahrzehnten regelmäßig im Vorabendprogramm zu sehen, ihr Mann bleibt beruflich fast durchgehend hinter der Kamera. Beide arbeiten beim NDR, in derselben Stadt, treten öffentlich aber kaum gemeinsam auf. Über das Privatleben der beiden ist bewusst wenig bekannt.
Ein Regisseur, der in seinen eigenen Filmen nicht vorkommt
Rütten hat mit „Auch Helden haben Depression“ einen der eindringlichsten deutschen Fernsehfilme über die Gefahr des Verbergens gedreht. Getragen von Teresa Enkes Worten, macht der Film deutlich, wie wichtig es ist, sich früh zu offenbaren und Hilfe zu suchen. Der Mann, der diesen Film gedreht hat, hat sein eigenes Berufsleben zugleich so eingerichtet, dass er selbst kaum sichtbar wird, weder in seinen Sendungen noch außerhalb davon. Ob das reine Berufsauffassung eines Kameramanns ist, der lieber zeigt als gezeigt wird, oder mehr über seine Haltung zur Öffentlichkeit erzählt, lässt sich aus keiner seiner Produktionen ablesen.
Woran er 2026 gerade arbeitet
Neben der Orangen Dokumentation für das ZDF drehte Rütten 2025 unter anderem für Arte und den NDR, etwa über die Weger-Brüder im Extremsport oder über Sansibar für die Reihe „Re“. Sein Schwerpunkt hat sich in den vergangenen Jahren spürbar verschoben, weg vom reinen Sportjournalismus, hin zu globalen Reise- und Gesellschaftsthemen. Die Arbeitsweise dahinter ist über zwei Jahrzehnte gleich geblieben: Er filmt, ein anderer Name erscheint am Ende im Vorspann.

