Hadnet Tesfai gehört seit den frühen 2000er-Jahren zu den festen Gesichtern des deutschen Fernsehens, als Moderatorin bei MTV, ARTE, SWR und ZDF. Trotzdem trägt keine dieser Sendungen ihren Namen im Titel. Die heute Mitte vierzig Jahre alte gebürtige Eritreerin sitzt im Rateteam, berichtet vom Spielfeldrand oder moderiert an der Seite von jemand anderem, eine eigene Sendung hat sie in ihrer gesamten Karriere jedoch nie bekommen. Wer sich ihre Stationen der Reihe nach ansieht, erkennt ein Muster, das sich seit ihrem Berufseinstieg 1999 kaum verändert hat.
Inhaltsverzeichnis
Vom Schwäbischen ins Berliner Radio
Geboren wurde sie 1979 in Mendefera, einer Stadt im heutigen Eritrea. Mit drei Jahren floh sie mit ihrer Familie vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland und wuchs in Göppingen auf, im Schwäbischen. Nach dem Abitur studierte sie Politikwissenschaft und Arabistik in Berlin, dazu einen Magisterstudiengang in Nordamerika-Studien.
Ihre erste Station im Radio war Kiss FM, ab 1999. Danach moderierte sie sechs Jahre beim Berliner Sender Fritz, unter anderem die Formate Weite Wilde Welt und Fritzbee. Über kleine Rollen beim RBB kam sie 2008 zum Fernsehen.
Radio, MTV und ein Rateteam ohne Hauptrolle
Von 2008 bis 2010 moderierte Hadnet Tesfai bei MTV Germany, unter anderem MTV Urban und TRL. Was danach folgte, liest sich wie ein Senderverzeichnis:
- ZDFkultur (2012 bis 2016), festes Moderationsteam
- ARTE, sechsteilige Reihe „The 90s in Music“ im Sommer 2014
- RTL Nitro, Field-Reporterin bei Länderspielen, seit 2015
- SWR, Talkshow „Five Souls“ gemeinsam mit Thelma Buabeng und Tasha Kimberly
- hr-fernsehen, feste Panelistin bei „strassenstars“
- SWR, Rateteam bei „Sag die Wahrheit“, seit Mitte 2022
2022 durfte sie die Eröffnung der 72. Internationalen Filmfestspiele Berlin sowie die Verleihung des Goldenen Bären moderieren, einer der wenigen Momente ihrer Karriere im direkten Rampenlicht. Trotzdem folgte fast jede Station demselben Muster: als Field-Reporterin, als Panelistin, als Jurymitglied oder als Co-Moderatorin, aber so gut wie nie als alleinige Stimme einer Sendung.
Die Lehrerin in „Elaha“
2023 stand Tesfai für den Kinofilm „Elaha“ von Regisseurin Milena Aboyan vor der Kamera. Der Film feierte seine Weltpremiere bei der Berlinale 2023 in der Sektion Perspektive Deutsches Kino und lief ab dem 23. November desselben Jahres in den deutschen Kinos. Tesfai spielt die Lehrerin Stella Zahaye, die die Hauptfigur auf ihrem Weg zwischen familiärer Erwartung und eigenem Berufswunsch unterstützt. Der Film wurde mehrfach für den Deutschen Filmpreis nominiert.
Ihre erste Filmrolle war es nicht. Bereits 2003 spielte sie in der ZDF-Reihe „Nachtschicht“ mit, in der Episode „Reise in den Tod“. Fast zehn Jahre später kehrte sie in einer weiteren Nachtschicht-Folge zurück, diesmal als Figur Lola Obasi.
Die Rolle, die sie öffentlich ablehnt
In einem Podcast-Gespräch mit Bettina Böttinger im Juli 2025 sprach Tesfai offen über falsch ausgesprochene Namen, über Zugehörigkeit und darüber, wie sich ihre Identität immer wieder zum öffentlichen Statement verwandelt hat. Der Titel der Episode lautete: „Ich bin nicht eure freche Schwarze.“
Schaut man auf die Jahre davor, wird deutlich, wie oft genau diese Zuschreibung trotzdem ihren Job bestimmt hat.
Von 2020 bis 2023 moderierte sie gemeinsam mit Tarik Tesfu den Podcast „Tratsch & Tacheles“, der Popkultur konsequent durch die Linse von Gender, Alltagsrassismus und LGBTQI-Themen betrachtete. Schon davor, ebenfalls 2020, startete sie mit Kollegin Aminata Belli das Instagram-Format „Sitzplatzreservierung“, eine direkte Reaktion auf die Black-Lives-Matter-Bewegung und den Umgang deutscher Medien mit dem Thema.
Auch die Filmrolle, für die sie die meiste Aufmerksamkeit bekam, folgt diesem Muster. Stella Zahaye in „Elaha“ ist eine Lehrerin, die einer jungen Frau mit Migrationsgeschichte hilft, sich gegen familiäre Erwartungen zu behaupten. Wieviel davon eigene Wahl war und wieviel schlicht das Angebot, das eine Schwarze Moderatorin in Deutschland über Jahre bekommen hat, lässt sich von außen kaum trennen.
Familie und aktuelle Termine
Seit 2015 ist Tesfai mit Florian Reichelsdorfer verheiratet, Marketingchef bei Hugo Boss. Das Paar hat zwei Kinder, geboren 2015 und 2018, und lebt in Berlin.
Beruflich bleibt sie sichtbar, zuletzt eher auf Bühnen als vor der Kamera. Im Mai 2026 trat sie bei der re:publica in Berlin auf, mit mehreren Panels zu Medien und Öffentlichkeit, unter anderem gemeinsam mit Regisseur Tom Tykwer. Für den IFA Sommergarten 2026 ist sie ebenfalls als Sprecherin angekündigt. Ihr Instagram-Kanal zählte Anfang 2026 rund 43.000 Follower.
Zwei Jahrzehnte nach ihrem Berufseinstieg steht die Bilanz einer Moderatorin, die in beinahe jeder deutschen Sendung schon aufgetaucht ist, aber in keiner die Hauptrolle trug. Ob sich das für Hadnet Tesfai noch ändert, bleibt offen.
Quellen: ZDF Presseportal, Berlinale, Programm 2023, Deutscher Filmpreis, Elaha, re:publica, Speakerprofil, IFA Berlin, Speakerprofil

