Italiens Familienministerin Eugenia Roccella hält nichts davon, Väter per Gesetz in die Elternzeit zu schicken. Das sagte die 72-Jährige am 1. Oktober der Turiner Zeitung La Stampa und erntete dafür Kritik aus der Opposition. Im Sommer war Roccellas Mann Luigi Cavallari im Lago di Vico nördlich von Rom verschwunden und Wochen später tot geborgen worden.
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Warum Roccella keine Pflicht für Väter will
Ob es familienfreundlich sei, eine verpflichtende und gleich lange Elternzeit für beide Eltern abzulehnen, wollte La Stampa von der Ministerin wissen.
„Ich mag keine Pflichten, vor allem keine, die in Beziehungen eingreifen. Die gleiche Elternzeit für beide ist in erster Linie eine Pflicht für die Menschen.“
Elternschaft dürfe weder für Firmen noch für Familien ein Nachteil sein, sagte Roccella. Solange Kinder im Beruf ein Nachteil sind, bringt es aus ihrer Sicht nichts, diesen Nachteil auf Mutter und Vater zu verteilen. Er werde dadurch eher vervielfacht. Als Beispiel nannte sie staatliches Geld für Firmen, die Frauen im Mutterschutz länger vertreten lassen.
Sie selbst bezeichnet sich als „Feministin der Differenz“. Diese Strömung des italienischen Feminismus entstand in den Siebzigerjahren und geht vom Unterschied zwischen Frauen und Männern aus. Die Arbeitswelt müsse sich nach dem Körper der Frau richten, der Kinder zur Welt bringt, sagte die Ministerin. Zu lange sei Mutterschaft ein Grund gewesen, Frauen zu benachteiligen.
Was angestellte Eltern in Italien schon bekommen, zählte sie so auf:
- Zehn Monate Elternzeit für beide Eltern zusammen, von denen die Mutter nicht alle allein nehmen kann.
- Ein elfter Monat, wenn der Vater mindestens drei Monate nimmt, auch mit Unterbrechungen.
- 80 Prozent des Lohns für drei der Monate, 30 Prozent für sechs weitere.
- Fünf Monate Pflicht-Mutterschutz für die Mutter.
Eine gleiche Aufteilung ist damit schon möglich, allerdings nur freiwillig, und den Bonusmonat kennen laut Roccella nur wenige. Die Regierung will ihn ausbauen. Eine Pflicht für beide Eltern würde nach ihrer Rechnung rund drei Milliarden Euro kosten. Das Geld könne man vielleicht wirksamer einsetzen.
Wer Roccella widerspricht
Den Entwurf mit fünf voll bezahlten Pflichtmonaten für jeden Elternteil hatten die Oppositionsparteien gemeinsam eingebracht. Am 24. Februar stimmte die Regierungsmehrheit in der Abgeordnetenkammer dagegen. PD-Chefin Elly Schlein hat die Forderung im Juli zu einem Versprechen für die Parlamentswahl 2027 gemacht.
Bolognas Bürgermeister Matteo Lepore, ebenfalls PD, hielt der Ministerin den Alltag junger Väter entgegen.
„Die schlaflosen Nächte, die Windeln, das erste Baden, die Angst und das Staunen dieser Monate nehmen einem Mann nichts weg. Sie machen ihn zum Vater und tragen, wenn ich das sagen darf, dazu bei, ihn als Menschen zu formen.“
Eine Pflicht gebe es für Mütter längst, sagte Lepore und meinte den Mutterschutz. Fallen nur Mütter monatelang aus, haben Arbeitgeber nach seiner Argumentation einen Vorwand, Frauen zu benachteiligen. Müssen Väter genauso lange zu Hause bleiben, fällt dieser Vorwand weg. Als Vorbild nannte Lepore Spanien. Dort haben Mutter und Vater seit 2021 Anspruch auf gleich lange, voll bezahlte Freistellung nach der Geburt.
Wie Deutschland Väter in die Elternzeit lockt
Elterngeld gibt es in Deutschland 14 statt 12 Monate, wenn beide Eltern mindestens zwei Monate nehmen. Ein Entwurf von Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) aus dem Sommer reserviert drei Monate für jeden Elternteil und sieht nur noch zwölf Monate insgesamt vor. Nimmt nur einer Elternzeit, gäbe es höchstens neun Monate Geld. Das wäre mehr Druck auf Väter als in Roccellas Modell, aber keine Pflicht, wie sie Italiens Opposition will. Nach viel Kritik sagte Prien am 30. September, die Koalition habe sich noch auf kein Modell festgelegt.
Was mit Roccellas Ehemann am Lago di Vico geschah
Am 27. Juni, einem heißen Samstag, war Roccella mit ihrem Mann Luigi Cavallari in einem kleinen Boot auf dem Lago di Vico unterwegs, einem Kratersee in der Provinz Viterbo nördlich von Rom. Der 84-Jährige sprang ins Wasser, tauchte kurz auf und sagte, ihm sei nicht gut. Das Boot war nicht verankert und trieb ab, er erreichte es nicht mehr.
Feuerwehr und Taucher suchten wochenlang. Im Netz warfen manche Nutzer der Ministerin vor, die Suche sei zu aufwendig, andere griffen sie persönlich an. Regierungschefin Meloni nannte diese Kommentare „niederträchtig und unmenschlich“, berichtete der Spiegel. Am 14. Juli kehrte Roccella in die Abgeordnetenkammer zurück, ihr Mann war noch nicht gefunden. Abgeordnete aus Regierungslager und Opposition empfingen sie mit langem Applaus.
Am 4. August, mehr als fünf Wochen nach dem Unglück, fanden Taucher Cavallaris Leiche. Die Staatsanwaltschaft Viterbo ordnete eine Obduktion an, ein Ergebnis ist bisher nicht veröffentlicht. Bei der Trauerfeier am 8. August in der römischen Kirche San Lorenzo in Lucina las Tochter Silvia einen Brief vor. Auch die Ministerin sprach.
„Nach 50 Jahren haben uns manche noch liebevoll aufgezogen, weil wir Hand in Hand gingen. Ich glaube, das werden wir weiter tun, sicher auf andere Weise, in einer anderen Welt.“
Kennengelernt hatten sich die beiden, als Roccella 18 war. 1976 heirateten sie. Cavallari lehrte Architektur an der Universität Chieti-Pescara. Die Zeitung Il Foglio beschrieb Roccella im Sommer als einziges Kind von Eltern, die Politik und Welt verändern wollten, ihr aber wenig Schutz und Wärme geben konnten. Über die Jahre sei Cavallari ihre Familie geworden. „Er hat mir das Leben gerettet“, habe sie Freunden immer wieder gesagt.
Wer ist Eugenia Roccella?
| Vollständiger Name | Eugenia Maria Roccella |
|---|---|
| Alter | 72 Jahre, geboren am 15. November 1953 in Bologna |
| Partei | Fratelli d’Italia (Brüder Italiens) |
| Amt | Ministerin für Familie, Geburtenrate und Chancengleichheit seit 22. Oktober 2022 |
| Beruf | Journalistin und Autorin, promovierte Literaturwissenschaftlerin |
| Ehemann | Luigi Cavallari (1942 bis 2026), verheiratet seit 1976 |
| Kinder | Tochter Silvia, Sohn Francesco Ugo |
Ihr Vater Franco Roccella gehörte zu den Gründern der Radikalen Partei, die in den Siebzigern für das Recht auf Scheidung und Abtreibung kämpfte. Die Mutter, Wanda Raheli, war Malerin und Feministin. Die ersten Lebensjahre verbrachte die spätere Ministerin bei Großeltern und einer Tante in Sizilien, erst zur Schulzeit kam sie zu den Eltern nach Rom.
Mit 18 schloss sie sich der Frauenbefreiungsbewegung MLD (Movimento di Liberazione della Donna) an und gehörte bald zu ihren Anführerinnen. 1975 gab sie das Buch „Aborto: facciamolo da noi“ heraus, auf Deutsch etwa „Abtreibung, machen wir es selbst“. Es warb für freie und kostenlose Schwangerschaftsabbrüche. Drei Jahre später legalisierte Italien die Abtreibung.
In den Achtzigern brach Roccella mit den Radikalen. Rund zwanzig Jahre hielt sie sich aus der aktiven Politik heraus und schrieb, unter anderem für die katholische Zeitung Avvenire. 2007 war sie Sprecherin des Family Day, einer Großkundgebung katholischer Verbände in Rom gegen ein geplantes Gesetz für unverheiratete Paare. Ein Jahr später zog sie für Silvio Berlusconis Partei ins Parlament ein und wurde Staatssekretärin im Sozial- und später im Gesundheitsministerium. Nach Jahren in kleineren Mitte-rechts-Parteien holte sie 2022 für Melonis Fratelli d’Italia ein Mandat in Kalabrien. Wenige Wochen später war sie Ministerin.
Im Herbst 2022 sagte Roccella, Feministinnen hätten Abtreibung nie als Recht betrachtet. Kurz nach ihrer Ernennung hielt ihr die Journalistin Loredana Lipperini in La Stampa das eigene Vorwort von 1975 vor. Darin hatte Roccella geschrieben, gerade Feministinnen müssten das Recht auf Abtreibung verteidigen. „Ja, das haben wir getan“, antwortete sie laut dem Nachrichtenportal Open. Dass Abtreibung kein Recht sei, habe sie nicht in der MLD gelernt, sondern durch den Feminismus der Differenz. Das Abtreibungsgesetz wolle die Regierung nicht ändern, fügte sie hinzu. Auf dieselbe Strömung berief sie sich im Interview vom 1. Oktober, als es um die Väter ging.
Bilanz nach knapp vier Jahren im Amt
La Stampa hatte das Gespräch mit Geburtenzahlen begonnen. 2022, als Roccella Ministerin wurde, kamen in Italien 393.997 Kinder zur Welt. 2025 waren es nach vorläufigen Zahlen der Statistikbehörde Istat noch rund 355.000, Frauen bekamen im Schnitt 1,14 Kinder. Gesunken war die Zahl schon vorher: Seit 2008, als rund 577.000 Kinder geboren wurden, geht sie Jahr für Jahr zurück.
Die Ministerin verwies auf Jahrzehnte ohne echte Familienpolitik. Die Regierung habe in ihren Haushalten fast sechs Milliarden Euro für Familien bereitgestellt. Einem Bericht der EU-Kommission, dem zufolge man sich an den Geburtenrückgang vorerst anpassen müsse, gab sie trotzdem recht. Weil es immer weniger Frauen im gebärfähigen Alter gebe, werde jede Trendwende Jahre brauchen.
Ob sie nach einem Wahlsieg Melonis Ministerin bleiben wolle, fragte La Stampa zum Schluss. Eine klare Antwort gab Roccella nicht. „Es ist ein komplizierter Moment in meinem persönlichen Leben“, sagte sie. „Aber Giorgia Meloni ist meine Chefin und für mich ein feministischer Traum, der wahr geworden ist.“ Sie werde deshalb immer offen sein für das, was Meloni ihr sage und von ihr verlange.

