Sherin Senler kämpfte sechs Jahre um ein Urteil gegen Boateng

Sherin Senler sitzt nicht im Saal, als am Landgericht München im Sommer 2024 zum vierten Mal über die Vorwürfe gegen Jérôme Boateng verhandelt wird. Vor Saal 101 spricht stattdessen ein Mann namens Knipp mit den wartenden Journalisten. Toxisch, sagt er, beide Seiten hätten Fehler gemacht, eher eine Rangelei als eine Tat. Manche der Wartenden halten ihn für einen Gerichtssprecher. Das ist er nicht, er arbeitet als PR-Berater für Boateng, wie das Medienmagazin Infosperber später dokumentiert.

Es ist der vierte Prozess in einem Verfahren, das 2019 begonnen hat und erst 2024 endet. Jedes Mal stellen die Gerichte fest, dass Gewalt stattgefunden hat. Und jedes Mal wird daneben, in Gesprächen mit Journalisten vor dem Saal, an einer weicheren Version derselben Geschichte gearbeitet.



Wer ist Sherin Senler

Senler kommt aus Berlin, hat türkische Wurzeln und studierte Mode, als sie 2007 Jérôme Boateng kennenlernte. Beide waren damals Anfang zwanzig, er spielte noch beim Hamburger SV. Aus der Beziehung wurde eine der bekanntesten On-off-Geschichten des deutschen Fußballs, mit mehreren Trennungen und Wiederannäherungen.

2011 kamen die gemeinsamen Zwillingstöchter Lamia und Soley zur Welt. 2014 verlobten sich Senler und Boateng erneut. Zu ihrer Biografie außerhalb dieser Beziehung ist wenig gesichert dokumentiert, ein genaues Geburtsdatum etwa lässt sich in keiner seriösen Quelle bestätigen, nur widersprüchliche Angaben aus Fanforen kursieren dazu. Bekannt wurde Senler öffentlich fast ausschließlich über etwas, das sie nicht selbst gesucht hat, einen Strafprozess.


Der Urlaub, der zu einem sechs Jahre langen Verfahren wurde

Im Juli 2018 verbrachten Senler und Boateng Urlaub auf den Turks und Caicosinseln. Laut Anklage soll Boateng sie geschlagen, geboxt, in den Kopf gebissen und zu Boden geworfen haben. Vor Gericht sagte Senler aus, sie sei auf die Knie gegangen, bevor er ihr so kräftig in die Niere geboxt habe, dass sie keine Luft mehr bekam. Die Staatsanwaltschaft ergänzte, Boateng habe zudem eine Glaslaterne und eine Kühltasche mit voller Wucht nach ihr geworfen.

Senler zeigte den Vorfall erst drei Monate später an. Vor Gericht begründete sie das damit, dass mehr daran hänge, als man im ersten Moment denke, Presse und so weiter. Gegenüber Freunden äußerte sie eine konkretere Sorge, sie befürchtete, Boateng könne ihr die gemeinsamen Kinder wegnehmen, sobald sie zur Polizei ginge.

So verlief das Verfahren:

ZeitpunktEreignis
2019Anklage wegen gefährlicher Körperverletzung
September 2021Erstes Urteil, Geldstrafe von 1,8 Millionen Euro
November 2022Berufungsurteil senkt die Strafe auf 1,2 Millionen Euro
Sommer 2024Nach Aufhebung des Urteils aus Verfahrensgründen folgt ein vierter Prozess mit Bewährungsstrafe von 200.000 Euro

Ein gerichtlich bestellter Gutachter hielt Senlers Version für glaubwürdiger als die von Boateng, das Gericht folgte dieser Einschätzung. Trotzdem blieb am Ende eine Verurteilung ohne Eintrag ins Führungszeugnis. In Deutschland gilt man erst ab 90 Tagessätzen als vorbestraft, Boateng wurde 2021 zu 60 Tagessätzen verurteilt.


Wie Wortwahl ein Urteil abgeschwächt hat

Nach dem Urteil im Sommer 2024 titelten mehrere große Redaktionen, Boateng sei verwarnt worden oder habe die gelbe Karte erhalten. Beide Formulierungen erwecken den Eindruck, es habe keine echte Verurteilung gegeben. Tatsächlich wurde Boateng wegen vorsätzlicher Körperverletzung verurteilt.

Auch der Begriff toxische Beziehung, der in vielen Berichten auftauchte, stammt laut Infosperber ursprünglich aus der Argumentation der Verteidigung und legt eine Mitschuld auf beiden Seiten nahe. Die gerichtlichen Gutachter konnten aber ausschließlich Gewalt durch Boateng nachweisen.

Senlers eigene Anwältin erklärte während des Verfahrens, Boateng habe ihre Mandantin vor dem Prozess massiv eingeschüchtert. Gericht und ein Großteil der Medien hätten diesen Hinweis weitgehend übergangen, kritisiert Infosperber. Die Analyse kommt zu dem Schluss, dass ein mildes Urteil wie dieses auf andere Betroffene häuslicher Gewalt eher abschreckend als ermutigend wirkt.


Der zweite Streit, der kaum öffentlich verhandelt wird

Parallel zum Strafverfahren läuft seit Jahren ein zweiter Streit um das Sorgerecht für Lamia und Soley. Seit 2015 leben die Zwillinge bei Boateng. Einem Bericht des Magazins OK zufolge sagte ein Familienfreund gegenüber Bild, es sei für Senler schwierig, Kontakt zu ihren Töchtern zu bekommen, sie sei außen vor.

Eine Ende 2025 gestartete Spendenkampagne der Frauenorganisation Frauen100, initiiert im Namen von Senler, gab damals an, dass beide Elternteile zwar formal das gemeinsame Sorgerecht haben, der letzte geregelte Umgang mit den Kindern zu diesem Zeitpunkt aber bereits mehr als dreieinhalb Jahre zurückgelegen habe. Diese Angabe stammt aus Senlers eigenem Umfeld und lässt sich unabhängig nicht vollständig prüfen. In der Grundaussage deckt sie sich mit älteren Schilderungen über erschwerten Kontakt, auch wenn beide Angaben aus unterschiedlichen Zeiträumen stammen und nicht als gegenseitige Bestätigung gelesen werden sollten.


Eine Dokumentation, die die Debatte neu entfacht hat

Ende November 2025 strahlte der Bayerische Rundfunk die dreiteilige Dokumentation Being Jérôme Boateng aus. Die Süddeutsche Zeitung bezeichnete sie laut Blick als ein Geschenk der ARD an Boateng, weil sie vor allem seine Fußballkarriere in den Mittelpunkt rücke und die Vorwürfe gegen ihn nur kurz streife.

Die Podcasterin Gizem Celik, die in der Dokumentation ebenfalls zu Wort kommt, erklärte später, sie hätte wahrscheinlich abgesagt, hätte sie gewusst, dass Boateng selbst noch Teil der Produktion werden würde. Ursprünglich war er darin nicht vorgesehen, stimmte aber kurz vor Abschluss der Dreharbeiten doch noch einem Gespräch zu.

Ein an der Produktion beteiligter Jurist wirft dem Sender zudem vor, kritische Passagen seines eigenen Beitrags herausgeschnitten zu haben. Der BR bestreitet einen Zusammenhang mit dem späteren Ende der Zusammenarbeit mit ihm.


Was von sechs Jahren Verfahren bleibt

Die einzige sichtbare Folge außerhalb der Gerichtssäle kam im Herbst 2025. Der FC Bayern München hatte für Boateng im Rahmen seiner Trainerausbildung unter Vincent Kompany ein Praktikum vorgesehen, zog sich aber zurück, nachdem Fans mit Protesten und einer Petition gegen die Rückkehr eines wegen Körperverletzung verurteilten Mannes reagierten. Nicht das Gericht und nicht der Verein selbst beendeten das Vorhaben, sondern der Druck der eigenen Fans.

Senlers Sorgerechtsstreit läuft zu diesem Zeitpunkt unverändert weiter.


Hinweis: Dieser Artikel behandelt häusliche Gewalt und ein teils ungeklärtes Sorgerechtsverfahren. Wer selbst betroffen ist, findet beim Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen unter der Nummer 08000 116 016 kostenlose, anonyme und rund um die Uhr erreichbare Beratung.

Quellen:

Dennis Luft
Dennis Lufthttps://newszentral.de/
Ich bin in Nürnberg aufgewachsen, habe dort Journalismus studiert und anschließend über neun Jahre für lokale Verlage in der Metropolregion gearbeitet. In dieser Zeit habe ich gelernt, dass ein guter Journalist kein Ressort braucht: Ich habe politische Entwicklungen begleitet, Sportereignisse von der Bundesliga bis zur Champions League aufbereitet, Prominente porträtiert und ihre Hintergründe beleuchtet, Beziehungsgeschichten und gesellschaftliche Debatten eingeordnet, Technologiethemen verständlich erklärt, Unterhaltungsnews aus Film, Musik und Reality-TV verfolgt und Wirtschaftsnachrichten für echte Menschen greifbar gemacht. News Zentral habe ich im Mai 2026 gegründet, weil mir ein deutschsprachiges Portal gefehlt hat, das all diese Themen mit dem gleichen journalistischen Anspruch behandelt, egal ob es um einen Bundesliga-Spieltag geht, die neueste Affäre aus dem Showbusiness oder eine politische Entscheidung, die das Land bewegt. Ich schreibe hier täglich, zu allem, was gerade zählt.

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